Kleinkinder haben das absolute Gehör

Kleinkinder besitzen eine Gabe, von der die meisten Musiker nur träumen. Sie haben das absolute Gehör. Das heißt, sie können einzelne Note auf der Tonleiter ohne einen Bezugspunkt identifizieren. Das entdeckte die amerikanische Psychologin Jenny Saffran bei Studien an der Universität von Wisconsin in Madison. Sie vermutet, dass alle Menschen mit dem absoluten Gehör auf die Welt kommen, es aber im Verlauf der ersten Lebensjahre wieder verlieren.

Saffran stellte ihre Erkenntnisse am Montag auf dem größten interdisziplinären Forscherkongress der Welt in San Francisco vor. Ihre Untersuchung bestätigt, dass Babys und Erwachsene Klänge völlig anders verarbeiten. Während Kleinkinder im Vergleichstests mit dem absoluten Gehör beeindruckten, zeigten Erwachsene ihre Stärke mit dem relativen Gehör. Das heißt, sie orientieren sich an den Intervallen zwischen Noten.

Das absolute Gehör erlaubt, Klänge räumlich weitaus genauer einzuordnen als das relative Gehör. Saffran glaubt, dass diese Fähigkeit im Alltag unpraktisch ist. "Diese Form der Kategorisierung ist einfach zu fein", sagt sie. Sie würde keine Verallgemeinerung zulassen. "Mit ihr könnten wir nicht erkennen, dass "Happy Birthday in zwei Tonlagen gesungen das gleiche Lied ist, oder dass das Wort "Tasse" aus dem Mund eines Mannes und einer Frau das gleiche Wort ist.

Die Wissenschaftlerin stützt ihre These auf die Reaktion der Kleinkinder. Sie spielte ihnen jeweils drei Minuten lange Folgen von glockenähnlichen Tönen vor. Wendeten die Kleinen ihren Kopf und schenkten dem Klang volle Aufmerksamkeit, wertete Saffran diesen als interessant und neu für die Kinder. Mangelndes Interesse dagegen interpretierte sie als Hinweis darauf, dass der Klang bekannt und darum nicht mehr interessant für die Kleinen war.

Rebecca Gomez von der Johns Hopkins Universität (Baltimore) berichtete auf dem Kongress der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAAS), dass Kleinkinder beim Erlernen von Sprache wie "Statistiker" vorgehen. Sie orientieren sich weitaus mehr als bisher angenommen an Mustern, um Wörter und grammatische Grundbegriffe zu absorbieren. Gomez empfiehlt, Kleinkindern durch häufige Wiederholungen das Sprechen zu erleichtern.

Diesem Rat stimmt der Computerwissenschaftler Michael Brent von der Washington Universität in St. Louis bedingt zu. Er entdeckte bei Studien mit 9 bis 15 Monate alten Kleinkindern, dass diese Wörter wie Katze, komm oder rot am schnellsten aufnehmen, wenn sie - häufig - isoliert vorgesprochen werden.

21.02.2001 – Gesundheit

Das absolute Gehör der Babys

Eine US-Studie ergab eine kurios klingende Erkenntnis: Menschen werden mit absolutem Gehör geboren. Diese Fähigkeit dient angeblich zum Spracherwerb und werde später - da ungebraucht - verlernt.Selbst Berufsmusiker haben nur selten ein absolutes Gehör: die Fähigkeit, einen Ton ohne Vergleichstöne erkennen und benennen zu können. Doch was meist als außergewöhnliche Begabung angesehen wird, ist laut Jenny Saffran jedem Menschen gegeben: Babys, so die These der Amerikanerin, werden mit einem absoluten Gehör geboren. Auf der jährlichen Konferenz der American Association for the Advancement of Science hat die Psychologin ihre Theorie nun vorgetragen.

Erwachsene und Babys als Versuchsteilnehmer

Der Annahme liegt ein interessanter Versuch zugrunde: Saffran ließ Erwachsene und Kleinkinder im Alter von acht Monaten lange Tonfolgen hören. Die Erwachsenen hatten kein Problem damit, die relative Höhe von Tönen einzuschätzen, wenn sie einen Vergleichston hatten. Doch spielte ihnen Saffran die Töne einzeln vor, "versagten" sie bei der Einstufung.
Bei Kindern will das Psychologen-Team genau das gegenteilige Muster beobachtet haben. "Wir nennen das zugrunde liegende Verhaltensmuster ‚Standard-Impuls bei Kleinkindern‘", berichtete die Direktorin des Kinder-Lern-Laboratoriums an der Universität Wisconsin-Madison auf der AAAS-Konferenz. "Das bedeutet: Was neu ist, interessiert das Kleinkind. Bei schon Bekanntem - also vorher Erlerntem - schwindet das Interesse."

Babys hören nur neuen Tönen länger zu
Nach diesem Muster wurden die Reaktionen der lauschenden Kleinen beim Tonfolgen-Experiment eingestuft. Es zeigte sich, dass Babys bei oftmaligem Vorspielen von Tönen -also bereits Gelerntem - ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwandten. Die kleinste Veränderung gegenüber vorherig gehörten Tonreihen hingegen erregte wieder deutlich ihr Interesse. Saffran sieht darin den Beweis, dass die Kinder genau erkennen, welche Töne neu sind - auch ohne Referenzsystem.

Für den Spracherwerb vonnöten

Die Wissenschaftler glauben nun, dass diese Fähigkeit die Mechanismen des Spracherwerbs von Kindern erklärt. Die Theorie ist die folgende: Solange ein Kind die Bedeutung von Silben und Wörtern nicht kennt, könnte jede Ton-Nuance von Bedeutung sein - muss also absolut erkannt werden können. Tatsächlich spricht rund ein Fünftel der Weltbevölkerung - z.B. Chinesen und Thailänder - so genannte Tonsprachen: Sprachen also, bei denen Tonlagen, Betonungen und Tonveränderungen die Bedeutung eines Wortes oder Satzes ausmachen. (Freilich kommt es auch dabei nicht auf absolute Töne an, sondern auf das, was voransteht bzw. nachfolgt: also Töne in Relation zueinander.)

Später nicht mehr gebraucht

"Ich glaube", so Saffran, "das das absolute Gehör später dann einfach nicht mehr wichtig ist." So muss ein Kind lernen, was "Hund" bedeutet - egal, ob das Wort von Mutter oder Großvater, also in unterschiedlichen Tonlagen, ausgesprochen wird. Ist die Bedeutung der Wörter und Betonungen dann einmal bekannt, wäre es aber zu kompliziert, die "einzig richtige" Tonlage zu speichern - die frühkindliche Fähigkeit schläft also ein.
Ausnahmen gibt es dennoch: So haben von Geburt an Blinde öfter ein absolutes Gehör, da sie vom Erkennen von Tönen weitaus abhängiger sind als Sehende. Und Menschen, die besonders früh ein Instrument erlernen, bewahren sich die Fähigkeit mitunter ein Leben lang.
Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen hat Saffran auch im Fachjournal Developmental Psychology veröffentlicht.


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AUDIVA, Uwe Minning