Viele Modelle der menschlichen Wahrnehmung gehen davon aus, dass die Aufnahme von Sinnesreizen und Ihre Verarbeitung im Gehirn multimodal und auf verschiedenen Ebenen, die miteinander interagieren, geschieht.

Um Sprache zu verstehen, bzw. Lesen zu können, werden zuerst akustische und visuelle Reize durch das Ohr und das Auge aufgenommen und über die Nervenbahnen zur weiteren Verarbeitung an das Gehirn geleitet. In der Hirnrinde entsteht eine Wahrnehmung, welche bewusst als Sprache und als Schriftbild erkannt wird. Die Basis dieses Prozesses, die viel mehr die Sinnesverarbeitung wie die Wahrnehmung darstellt, wird durch die so genannten low-level Funktionen beschrieben.

Die low-level Funktionen im einzelnen:

Die low-level Funktionen gehören zu den grundlegenden Funktionen der auditiven und visuellen Wahrnehmung.

Im Rahmen des Modells der auditiven Verarbeitung nach Lauer (2014) sind sie Teil der bottom-up-Prozesse der auditiven Verarbeitung.

Ordnungsschwelle lateral / Seitenordnung (Ol)

Die Ordnungsschwelle ist der kleinste Zeitabstand zwischen 2 Reizen (Klicks oder Lichtblitze), der nötig ist, um eindeutig zu erkennen, welcher von beiden Reizen (der linke oder rechte) zuerst vorkam. Die Reize kommen im Abstand von 1 bis 999 ms, beginnend mit einem Startwert der leicht zu erkennen ist.

Aufgabe: Du hörst kurz nacheinander zwei Klicks. Auf welcher Seite war der erste Klick, links oder rechts? Drücke entsprechend die linke oder rechte Taste.

Werden die Alterswerte des Patienten nicht erreicht, ist ein separates Ordnungsschwellentraining sinnvoll. Dabei wird vom Testergebnis ausgegangen und der Trainingsstartwert etwa 50 ms höher angenommen. Alle AUDIVA BrainFit Geräte haben einstellbare Startwerte.

In Untersuchungen haben sich bei Kindern mit verschiedenen Formen von Dyslalien (Stammeln) in allen Fällen Verbesserungen nach einigen Wochen regelmäßigem Training in der Merkfähigkeit eingestellt, die z.T. mit dem Mottier-Test erhoben wurde. Es wurden weiterhin Verhaltensbeobachtungen durchgeführt und Verbesserungen bezüglich der Differenzierungsfähigkeit festgestellt. Daher kann ein (isoliertes) Training der Ordnungsschwelle eine sinnvolle Begleitmaßnahme in der Förderung sprachlicher Leistungen sein, wenn Probleme in der Merkfähigkeit und Differenzierung bestehen. Es ist jedoch nicht bei Vorschulkindern oder bei Kindern, die die Aufgabe nicht verstehen und umsetzen können, einsetzbar.

Demo 500 ms auditiv

Demo 62 ms auditiv

Ordnungsschwelle seriell / Zeitordnung (Os)

Der kleinste Zeitabstand zwischen 2 verschiedenen monauralen Reizen (Ton-Klick oder Klick-Ton), der nötig ist, um eindeutig zu erkennen, welcher zuerst vorkam. Der Ton-Klick Abstand beträgt 1 bis 999 ms, beginnend mit einem Startwert der leicht zu erkennen ist.

Aufgabe: Achte auf die Reihenfolge der Hörreize. Drücke die linke Taste, wenn Du den Klick zuerst gehört hast oder die rechte Taste, wenn Du den Ton zuerst gehört hast.

Hinweise: Der Ton ist vergleichbar mit einem Vokal. Die Vokale sind besonders lange Phoneme in der Sprache. Der Klick ist vergleichbar mit einem Konsonant (wie z.B.: t). Die Pause (der ms-Wert) entspricht der voice-onset-time bzw. voice-offset-time, also dem Vokal-Konsonant Übergang. Dieses Verfahren ist daher besonders relevant hinsichtlich Lautunterscheidung. Hier sollten die Probanden Werte um 30-40 ms erreichen, was eine gute Lautunterscheidung dokumentiert. Vergleichen Sie dieses Ergebnis mit den Ergebnissen in der Lautunterscheidung nach der Test-CD von Audiva®.

Demo 250 ms auditiv

Demo 32 ms auditiv

 

Fusionsschwelle [F]

Bei dieser BrainFit Version (Home/Play) wird die Fusionsschwelle erstmals lateral ausgegeben, so dass entweder 2 Klicks (einer links, einer rechts = lateral) oder 1 Klick (auf beiden Ohren) angeboten werden. Dadurch wird hier erstmals das dichotische (beidohrige) Hören ins Ergebnis einfließen.
Die Fusionsschwelle ist die kleinste Zeiteinheit, die mindestens zwischen zwei Reizen verstreichen muss, damit zwei Reize gerade noch nicht als ein Reiz wahrgenommen werden.

Aufgabe erklären: du hörst auf beiden Ohren entweder einen oder zwei Klicks. Drücke die linke Taste, wenn Du einen Reiz und die rechte Taste, wenn Du zwei Reize wahrgenommen hast.

Hinweise: bei der Fusionsschwelle wird mit sehr kleinen ms-Werten gearbeitet. Die Anzeige ist daher auf zwei Stellen hinter dem Komma angegeben. Die Fusionsschwelle ist einfacher und eindeutiger als die Ordnungsschwelle (kein Erkennen der Ordnung erforderlich).

Nach Bungert (2002) liegt der Normbereich hier zwischen 0,5 und 1,0ms.

Demo 10 ms auditiv 2 Klicks

Demo auditiv 1 Klick

 
 
 

Intermodalität [I]

Die kleinste Zeiteinheit (im BrainFit Home/Play), die mindestens zwischen einem Klick und einem Blitz verstreichen muss, damit noch sicher wahrgenommen werden kann, ob zuerst der Klick oder der Blitz ausgegeben wurde.

Aufgabe erklären: achte darauf, ob erst das Licht oder erst der Klick kommt. Drücke die linke Taste, wenn Du zuerst den Klick gehört oder die rechte Taste, wenn Du zuerst das Licht gesehen hast.

Hinweise: durch die Abwechslung von auditiven und visuellen Reizen können Sie prüfen, ob der Proband besser im visuellen oder auditiven Bereich verarbeitet. Dabei wird deutlich, welche Modalität bei geteilter Aufmerksamkeit vorherrscht oder ob beide Sinnessysteme gleichermaßen Informationen beisteuern können

Demo hier nicht möglich

Der Bildschirm auf den Sie gerade schauen, kann Lichtsignale von 1 ms Dauer nicht darstellen.

Für den Brainfit kein Problem.

Tonhöhenunterscheidung (T)

Die Tonhöhenunterscheidung im BrainFit Home/Play wird in musikalisch übertragbaren Halbtönen realisiert - daher ist ein Vergleich mit einem Keyboard jederzeit möglich: z.B. 2 HT = Tonabstand C - D auf der Klaviatur. 

Die einfachste Vorgehensweise ist gleich/ungleich. Hier werden entweder zwei gleiche oder zwei verschiedene Töne angeboten.

In der Vorgehensweise hoch-tief werden zwei Töne angeboten und der Proband soll wahrnehmen, welcher der höhere Ton war; der erste oder der zweite.

Hinweise: Bei Kindern mit auditiven Wahrnehmungsstörungen ist häufig die Tonhöhenunterscheidung reduziert. Diese musikalische Fähigkeit wird auch für die Erkennung von verschiedenen Vokalen und prosodischen Elementen der Sprache benötigt. Aus der Psychoakustik ist bekannt, dass der Mensch einen Frequenzunterschied von 1-2 % unterscheiden kann.

Der kleinste mit dem BrainFit darstellbare Frequenzschritt ist ein halber Halbtonschritt (=3%). Erwachsene sollten in der Lage sein, mindestens bis auf 1 Halbtonschritt zu gelangen.

Demo 12 Halbtöne

Demo 3 Halbtöne

 

Richtungshören (R)

Das Richtungshören Im BrainFit Home/Play wird durch links/rechts zeitversetzte Klickgeräusche dargestellt und beruht auf psychoakustischen Erkenntnissen: die Klicks für das linke und rechte Ohr sind zwischen 20 und 1000 µS gegeneinander verschoben. Es wird zufällig gesteuert, welche Seite beginnt. Die Seite, auf welcher der Klick beginnt, wird als Richtungsinformation wahrgenommen, also ist dann links- oder rechtsseitig. Der Proband drückt dann die linke oder rechte Taste, die der Seite zugeordnet ist.

Demo 500 µS

Demo 125 µS

Synchronität (Fingertapping) (S)

Im BrainFit Home/Play werden auditive und/oder visuelle Reize (im -Play nur auditiv) abwechselnd links und rechts kontinuierlich angeboten, so dass ein einfacher Takt, wie bei einem Metronom entsteht. Die Anfangsgeschwindigkeit wird langsam eingestellt, z.B. 600ms.
Nun hat der Proband die Aufgabe diesen Takt durch Drücken der linken und rechten Taste zu imitieren, so dass ein Klick von links mit einem linken Tastendruck zusammenfällt und umgekehrt.
Konstante Folge (im BrainFit Home): Der Takt wird vorgegeben und ändert sich nicht. Gemessen wird, wie präzise (in Millisekunden) der Proband die Reize beantwortet. Geringe Anforderung, da der Proband keine Anpassungen an veränderte Taktraten leisten muss.
Variable Folge (im BrainFit Home/Play): Der Takt wird schneller, wenn der Proband synchron (also richtig) antwortet und langsamer, wenn er asynchron (also falsch) antwortet. Hohe Anforderung: hier gelangt der Proband in sehr schnelle Taktraten, wenn er das Training beherrscht.

Hinweise: siehe Arbeiten von Frau Dr. Steinbüchel (Institut für medizinische Psychologie, München) und Prof. Peter Wolff (Universität Havard, USA).

Demo 500 ms auditiv

 

Demo 200 ms auditiv

 

Mustererkennung [M]

Der BrainFit Home  bietet Mustererkennung von Tonhöhen und Tonlängen an (BrainFit Play nur Tonhöhen). Die Fähigkeit Muster in akustischen Signalen zu erkennen ist wichtig für das Dekodieren von Sprachlauten wie Vokalen und es trainiert gleichzeitig die Serialität.

Es werden dazu 3 Töne in Serie vorgespielt, wobei sich einer davon in Länge oder Tonhöhe unterscheidet. Analog werden hier 3 Tasten verwendet, die linke, mittlere (Menü) und rechte Taste. Beendet wird ein Ablauf daher mit der Taste + oder -.

Mustererkennung als Tonhöhen

Am einfachsten ist die Variante mit Tonhöhen. Es erklingen immer 2 gleiche und ein abweichender Ton. Die Frequenzabweichung ist konstant 6 Halbtonschritte, die Dauer und der Abstand der Töne voneinander verringert sich bei richtiger Antwort um 5% oder verlängert sich bei falscher Antwort um 20% und wird in Millisekunden angegeben.

Mustererkennung als Tondauer

Die Variante mit Tondauer ist schwieriger. Es erklingen immer 3 gleiche Töne (1080 Hz). Davon sind 2 Töne mit gleicher Dauer von 100 ms und ein abweichender Ton mit 100ms + angezeigter Wert in ms. Die Dauer des abweichenden Tones verringert sich bei richtiger Antwort um 5% oder verlängert sich bei falscher Antwort um 20% und wird in Millisekunden angegeben.

Hinweise zu Tondauer: Nach Bungert (2002), erreichen 20-29jährige Probanden 13-14 ms (+/-7ms).

Demo Tonhöhe

Diese Beispiele zeigen 3 Töne gleicher Dauer. Der abweichende Ton ist höher.

Demo Tondauer

In diesen Beispielen haben die 2 gleichen Töne immer eine Dauer von 100 ms. Der abweichende Ton ist länger (310 ms).

Lückenerkennung [L] - Gap detection

Im BrainFit Multi ist zusätzlich die Lückenerkennung integriert.

Hier wird die Aufgabe gestellt, in einem Rauschsignal eine Lücke (Gap) zu erkennen. Dazu wird ein Rauschsignal von 200ms Dauer auf beide Ohren gespielt. Im Signal ist in der Mitte eine Lücke (Stille), die zu Beginn breit ist (Beispiel 25 ms) und im Verlauf schmäler wird (Beispiel 5 ms).

Demo Lückenerkennung ohne

Demo Lückenerkennung 25 ms

Demo Lückenerkennung 5 ms

Frequenzverlauf erkennen - Sweep

Frequenzverläufe gehören zu den besonders typischen Merkmalen der Sprache. Immer wenn Vokale ineinander übergehen entstehen Frequenzverläufe von hoch nach tief oder umgekehrt. Sie erinnern an Vogelstimmen, wie die Beispiele rechts zeigen.
Wir haben die akustische Darbietung bereits im BrainFit Multi programmiert. Dürfen diese jedoch nicht verkaufen, da anscheinend ein Patentschutz besteht.

Umgesetzt in einen Hörtest oder als Spiel, würde ein Sweep bei einer konstanten Frequenz beginnen und sich dann nach oben oder unten in der Frequenz verändern. Die Tasteneingabe wäre dann z.B. links Drücken wenn der Ton nach oben geht und rechts drücken bewegt er sich nach unten.

Demo Sweep