Viele Alltagssituationen der modernen Gesellschaft konfrontieren uns mit einer Vielzahl von Geräuschen und Lärm wie z. B. Straßenlärm, Fluglärm, Baulärm Tendenz steigernd.

Die Zahl der Menschen, die empfindlich auf Geräusche reagieren nimmt stetig zu. Das beobachten wir deutlich in unseren Kundenkreisen, sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern. Zum Thema Geräuschempfindlichkeit bzw. Hyperakusis wird aus unserer Sicht viel zu wenig geforscht. Es gibt wenig Studien, die die aktuelle Situation beschreiben. Unsere Recherche ergab, dass 9-15% der Bevölkerung der westliche Gesellschaft an Geräuschempfindlichkeit leidet.

Was ist Geräuschempfindlichkeit?

Unter Geräuschempfindlichkeit (medizinisch Hyperakusis) wird ein überempfindliches Hörvermögen verstanden.

Die Grafik rechts veranschaulicht die Hörsituation bei Überempfindlichkeit. Die roten Linien stellen die Abweichung, die blauen Linien die normale Hörsituation dar. Dabei handelt es sich nur um eine Verschiebung der Sensibilität zugunsten einer erhöhten Sensibilität.

Menschen, die an Hyperakusis leiden, nehmen die Geräusche lauter wahr im Vergleich zum Durchschnitt. Sie können auf Geräusche unterschiedlicher Natur empfindlich reagieren.

In manchen Fällen normalisiert sich die Geräuschempfindlichkeit, kehrt jedoch je nach Stresslevel oder Lebenssituation zurück. Viele Patienten entwickeln eine krankhafte Feinhörigkeit und müssel täglich damit leben.

Audiogramm per Klick vergrößerbar.

Anamnese und Diagnostik

Der ICD10 Code (internationale Klassifikation von Diagnosen) für die Diagnose "Subjektive Hörstörung-Hyperakusis" ist H93.2.

Wichtig ist eine ausführliche Anamnese und umfasende ärztliche Konsultation: HNO-Untersuchung mit Audiogramm in Ruhe und unter Störschall, Bestimmung der Unbehaglichkeitsschwelle, Hörfeldaudiometrie, neurootologiesche Untersuchung (Untersuchung zum Hörsinn), neurologische Abklärung (Überprüfung der Funktion des N. facialis.) sowie die Berücksichtigung von psychischen Erkrankungen.

Unseren gesamten Anamnese-Fragebögen finden Sie als pdf-download unter Anamnese Fragebogen Kinder (für Eltern)

Die Auswertung des Anamnese-Fragebögens finden Sie als pdf-download unter Anamnese-Fragebogen Kinder Auswertung

Die Diagnostik ist möglich mit einem Sprachtest mit Störschall: das Kind spricht die Wörter des Göttinger Sprachtests, die im freien Schallfeld mit 65 dB präsentiert werden, nach. Dann wird ein zunehmend lautes Breitbandrauschen hinzugegeben.

Auditiv hypersensiblen Kinder beklagen bei der Untersuchung der Störschall-Nutzschall-Filterfähigkeit frühzeitig (z.B. ab 50 dB) die Lautheit des Störschalls, wenden sich von der Aufgabe ab oder verweigern die weitere Mitarbeit.

Differenzierung im Bereich Hyperakusis (nach Dr. Rosenkötter)

1. Hyperakusis (generelle Lautstärke Intoleranz):

Hyperakusis ist eine subjektiv wahrgenommene Unlustempfindung, die als Absenkung der Schmerz- oder Unbehaglichkeitsschwelle in der Tonaudiometrie erfaßt werden kann (Audiogramm-Grafik oben: untere rote Linie wird festgestellt). Dabei ist die Hörschwelle in der Tonaudiometrie normal (Grafik oben: obere blaue Linie wird festgestellt)

Es besteht im Alltag eine Überempfindlichkeit gegenüber Lärm und lauten Geräuschen: Haushaltsgeräte, Motoren in Autos, Rasenmähern, Handwerksmaschinen, Tierstimmen (Hundegebell), Klack-Geräusche, Piepsen, Kreischen, lautes Lachen, Sirenen (Feuerwehr, Krankenwagen, Polizei), laute Musik, öffentliche Verkehrsmittel oder auf die Mischung verschiedenen Geräuschquellen (z. B. typische Party-Situation)).

Reaktion und Symptomatik: Der Betroffene macht selbst viel Lärm (häufig bei Kindern) oder hört Musik gerne bei großer Lautstärke. Symptomatisch entstehen Angst, Ablehnung, Ohren zuhalten, weggehen, sich abwenden, Aufmerksamkeitsverlust, „abschalten“.

2. Auditive Hypersensibilität (Inhaltsabhängige Überempfindlichkeit gegen Störschall):

Die Begriffe „auditive Hypersensibilität“ und „Phonophobie“ werden häufig synonym benutzt. Differenziert sollte dabei das Maß des Mißempfinden gegenüber unangenehm wirkenden
Hintergrundgeräuschen, Stimmen und Klängen: Hintergrundgeräusche in der Schulklasse, im Kindergarten, bei Festen und Menschenansammlungen, bei Musik- oder
Sportveranstaltungen, Heizungsventilen, fortgeleiteten Geräuschen in Wasserleitungen, Hintergrundgeräuschen im Kindergarten, bei Jahrmarkt, im Zirkus, in der Schule.
Reaktion und Symptomatik: Angst, Ablehnung, Ohren zuhalten, weggehen, sich abwenden, Aufmerksamkeitsverlust, „abschalten“, häufig Kopplung mit anderen Symptomen einer
auditiven Wahrnehmungsstörung.

3. Hyperakusis gegenüber Knallgeräuschen:

Gegenüber der oben beschriebenen Hyperakusis läßt sich noch eine eher phobische Reaktion gegen Knallgeräuschen abgrenzen (zu Sylvester, beim Fasching, beim Knallen von
Luftballons u.ä.).

Reaktion und Symptomatik: Panikartige Symptomatik gegenüber nicht vorhersehbaren Hörbelastungen mit Knall oder Explosion.

Eine sehr gute Hörempfindlichkeit stellt eigentlich eine nützliche Fähigkeit dar, jedoch in "normaler" Umweltsituation (Einkaufen, Strasse, Bahnhof, Stadt, Schule, Arbeitstelle, Konzert, Theater...) führt sie schnell zur Überforderung des Nervensystem. Es treten dann ganz basale reflexartige Verhaltensmuster zum Schutz durch den Nervus Vagus. Diese angeborenen Schutzfunktionen des vegetativen Nervensystems werden bei Gefahr aktiviert. Hinweise auf die Vernunft ("jetzt sei doch mal vernünftig", "jetzt hab dich nicht so") sind völlig nutzlos. Man muss verstehen, dass dieses Verhalten zum Fluchtprogramm des vegetativen Systems gehört und auf der anderen Seite auch aggressiv sein kann - je nach Charakter einer Person. Der eine Typus zieht sich in sein Schneckenhaus zurück und schaltet ab (bei Kinder wirkt dieses Verhalten wie ein Fall von ADS). Der andere Typus geht nach Außen und wird aggressiv gegenüber seiner Umwelt (bei Kinder wirkt dieses Verhalten wie ein Fall von ADHS).