Sprache
Eine der wichtigsten Funktionen des Hörens für den Menschen ist die Sprachwahrnehmung. Der Mensch wird mit der grundlegenden Fähigkeit geboren, Sprachlaute zu erkennen und seine Aufmerksamkeit auf Sprache auszurichten, die sensorisch eintrifft. Die Konditionierung auf aktive Sprachwahrnehmung bzw. Reaktion auf Kommunikation erfolgt im Austausch mit der Umwelt und auf multimodaler Ebene:
- akustisch - das Klangbild der Mutterstimme
- visuell - das lächelnde Gesicht der Mutter
- taktil - die sanften Berührungen der Mutter, usw.
Bereits das Neugeborene kommt mit einer Reihe von Fähigkeiten zur Welt, die für die Entwicklung menschlicher Kommunikation unerlässlich sind. Das Hören von gesprochener Sprache regt bei Kindern die eigene Sprachentwicklung an und ist eine wichtige Voraussetzung für die spätere Fähigkeit, sich adäquat zu artikulieren.
Taube Babys müssen daher so früh wie möglich mit Hörtraining oder Hörhilfen versorgt werden, weil sie sonst erhebliche Probleme beim sprechen lernen bekommen. Spätertaubte Kinder und Erwachsene büßen ihre Sprechmelodie und differenzierte artikulatorische Fähigkeiten ein.
Wie sich die phonologischen und artikulatorischen Fähigkeiten des Kleinkindes entwickeln, soll folgende Aufstellung kurz veranschaulichen:
- 2 Monate: Beginn der 1. Lallperiode: spielerischer Gebrauch der Sprechwerkzeuge
- 6-8 Monate: Beginn der 2. Lallperiode: Imitation der Laute der Muttersprache, ist reduziert bei Schwerhörigkeit
- 12 Monate: erste bedeutsame Wörter (z.B. Mama, Papa, Ball, Auto, Puppe)
- 18 Monate: erster Zweiwortsatz (z.B. Mama da, Papa Ball)
- 2-3 Jahre: Erweiterung des Wortschatzes, Mehrwortsätze, Grammatik
- 4 Jahre: vollständiger Lautbestand
- bis zum Schuleintritt: Entwicklung der phonologischen Bewusstheit
Die Wahrnehmung von Sprache, die jede Voraussetzung für das eigene Sprechen darstellt, ist gar nicht so selbstverständlich, wie es uns meistens erscheint. Das Ohr bzw. letztlich das Gehirn leistet Beachtliches, wenn es um die Verarbeitung von sprachlichen Lauten geht. Folgende Abbildung veranschaulicht, welche verschiedenen Leistungen das Ohr bei der Identifikation der einfachen Silbe [ba] erbringen muss.
Abbildung
Die Elemente der Sprachverarbeitung, nach Spreng
Mit Hilfe neuronaler Detektoren filtert das Sinnesorgan
- Lautstärkeveränderungen (Hüllkurven)
- Vokalfrequenzen
- Frequenzänderungen (Sweeps)
- Pausen (Gaps)
- Geräuschblöcke von Konsonanten.
Erkennt das Gehirn das Vorliegen einer Vokalfrequenz - etwa die eines gehörten [a] - so wird die Empfindlichkeit der Rezeptoren für diesen Fre quenzbereich kurzzeitig erhöht. Der wahrgenommene Vokal wird aktiv hervorgehoben und vom Störschall getrennt. So werden Laute bzw. Phonome differenziert und identifiziert. Bis hin zur Spracherkennung bei Silben und ganzen sprachlichen Äußerungen ist diese Störschall-/Nutzschalltrennung eine wichtige Grundvoraussetzung. Es kommt uns in unserer schallreichen Umgebung sehr zugute, dass die Hörwahrnehmung unsere schnellste Sinnesleistung ist.
Da alles, was Kleinkinder hören, ihre Hörreifung und damit nicht zuletzt ihre Sprachentwicklung beeinflusst, sollten Eltern gerade im Bereich der Hörwahrnehmung einen Blick auf die kindliche Entwicklung haben und es soweit möglich vor negativen Einflüssen von außen schützen.
Permanente Lärmeinwirkung (Radio-, TV-Berieselung, Fluglärm, Straßen- oder Schienenverkehrslärm) beispielsweise hat eine verminderte akustische Kontrastierfähigkeit zur Folge. Phonematische Erkennungsmuster können so weniger effizient ausgebildet werden. Auch häufige Mittelohrentzündungen und Erkältungen (v.a. im Kindesalter) führen zu einer verringerten Schallleitung. Der einhergehende „Erfahrungsverlust“ an sprachlichen Informationen kann sich ebenfalls auf eine weniger differenzierte Ausbildung phonematischer Erkennungsmuster auswirken.
Die neuronalen Detektoren sind nach der Geburt noch weitgehend unvernetzt. Wenn die Prosodie, Mimik und Gestik der Mutter verständlich und authentisch sind und der sprachliche Input sich nicht mit Nebengeräuschen (Fernseher, Radio, PC) vermischt, hat das Kind eine optimale akustische Umgebung für seine Sprachentwicklung.
Im nächsten Kapitel sollen einige Risikofaktoren während der Schwangerschaft und im Kleinkindalter aufgezeigt werden, die die auditive, motorische und/oder sprachliche Entwicklung des Kindes längerfristig beeinträchtigen können.
Frühe Risiken und Ursachen für Entwicklungsstörungen
Nicht alle Kinder entwickeln sich unauffällig. Im Bereich der Hörwahrnehmung und Sprachentwicklung können spätere Defizite ihren Ursprung bereits während der Schwangerschaft oder bei der Geburt haben.
Das Kind ist im Mutterleib bereits durch die Lebensumstände der Mutter geprägt. Das Ungeborene wird beeinflusst von der psychischen Verfassung der Mutter, ihrer Neurotransmitter- und Hormonsituation, ihrem Tagesrhythmus, bestimmten Bewegungsmustern, Krankheiten und Medikamenten. Die Lebensführung der Mutter hat so bereits während der Schwangerschaft einen Einfluss auf das Ungeborene, und kann sich auf seine Entwicklung positiv, aber auch negativ auswirken. Aus diesem Grunde gilt es sich bereits während Schwangerschaft und Geburt bewusst zu machen, welche Risikofaktoren für die Entwicklung des Kindes bestehen können (vgl. Dr. med. Reinhard Schydlo):
Während der Schwangerschaft sollte die Mutter in erster Linie Stress (privat, beruflich) möglichst vermeiden, da sich die psychische Belastung auf das Ungeborene auswirkt. Eine unnötige körperliche Beanspruchung durch Alkohol, Drogen (hierzu gehört auch Nikotin) oder starke Medikamente sollte ebenfalls vermieden werden. Weitere Risikofaktoren, auf die die Mutter allerdings keinen Einfluss hat sind eine EPH-Gestose, Blutungen und Diabetes, sowie die Verabreichung von Wehenhemmern zur Vermeidung einer Frühgeburt.
Eine zu frühe oder zu späte Geburt kann spätere Entwicklungsverzögerungen begünstigen, ebenso wie problematische Geburtsverläufe oder Mehrfachgeburten, in denen das Kind per Saugglocke, Zange oder Kaiserschnitt geholt werden muss. Bekannt ist auch der Risikofaktor des Sauerstoffmangels (z.B. durch Nabelschnurumschlingung) oder auch Infektionen wie das Amnioninfektionssyndrom.
Es ist wichtig, Eltern oder Bezugspersonen dafür zu sensibilisieren, dass auch ein gesundes Kind nach der Geburt oder im Kleinkindalter der Risikogruppe für spätere (Sprach-) Entwicklungsstörungen angehören kann. Kurz nach der Geburt ist es in erster Linie die körperliche Unversehrtheit, die wichtig für eine gesunde Entwicklung in den ersten Wochen und Monaten ist. Risikofaktoren sind hier z.B. (vgl. Dr. med. Reinhard Schydlo):
- schwere Neugeborenen-Gelbsucht
- schwere Infektionen, z.B. Sepsis, Meningitis, Encephalitis
- Ernährungsstörungen mit Toxikose (Zwangsernährung)
- Lärmtrauma (z.B. im Inkubator)
- Schädeltrauma
- Impfschäden
Kleinkindalter:
Im Kleinkindalter sollten die Eltern in erster Linie auf psychosoziale Faktoren und die Gestaltung der akustischen Umwelt achten. Ungünstige Rahmenbedingungen sind im Folgenden aufgeführt:
Familiäre Verhältnisse: Traumatische Erlebnisse wie etwa Streit oder Trennung von Bezugspersonen können übermäßigen Stress verursachen und die Kindesentwicklung beeinträchtigen bzw. zu pathologischen Verhaltensmustern führen.
Erziehung: Ein unsicherer und inkonsequenter Erziehungsstil der Eltern kann zu einer emotionalen Überforderung des Kindes im Kontakt mit seiner Umgebung führen.
Reizüberflutung: Überhöhter Radio- oder Fernsehkonsum kann sich negativ auf Eltern und Kinder auswirken. Eltern können die sensorische oder emotionale Überreizung bei übermäßigem Konsum zum Teil nicht bemerken und resultierende schlechte Stimmungen an ihrer Umwelt auslassen. Kinder wiederum sind von ungesteuertem Fernsehkonsum mehrfach überfordert. Sie können noch nicht hinreichend filtern oder sich über einen längeren Zeitraum konzentrieren. Äußere Reize können nur in paralleler Eltern-Kind-Interaktion geordnet integriert werden, um die Filterfunktion zu entwickeln.
Lärmbelastung: Elektronische Spielzeuge sind häufig mit Schallquellen versehen, die sich Kinder direkt ans Ohr halten können. Die oftmals schrille Klangqualität kann den Aufbau der Filterleistung behindern oder sogar die Hörfähigkeit schädigen. Auch im sonstigen Haushalt sind elektronische Geräte zu finden, die Lärm verursachen und Kinderohren überfordern, so bspw. der Computer („Walkman-Syndrom“).
Körperliche Erkrankungen: Rezidivierende Mittelohrentzündungen und -ergüsse und ototoxische Medikamente können das Gehör dauerhaft schädigen; auch genetische Ursachen für Entwicklungsstörungen sind möglich.
Ernährung: Fertignahrung oder Konserven begünstigen Übersäuerung, (Hirn-)Stoffwechselprobleme und schwächen das Immunsystem. Mittelohrentzündungen werden dadurch häufiger, die sich auch auf die Sprachwahrnehmung negativ auswirken können.
Mehrsprachigkeit: Sprachentwicklungsprobleme treten hier vor allem bei inkonsequenter Sprachentrennung oder unzureichenden Sprachkenntnissen der sprachlichen Bezugsperson auf.
Insgesamt können sich Beeinträchtigungen der Kommunikationsfähigkeit auf mehreren Ebenen ergeben. Die Ursachen sind häufig komplex und multimodal. Im Folgenden sollen einige Störungsbilder kurz vorgestellt werden, die im Rahmen von Aufmerksamkeit, Hören und Sprechen von großer Relevanz sind und häufig Gegenstand in der (u.a. logopädischen) Therapie sind.
Störungen der Aufmerksamkeit, Sprach- und Hörwahrnehmung
Im Bereich der auditiven Wahrnehmung zeigen sich eine Reihe unterschiedlicher Störungsbilder, die Kinder in ihrer sprachlichen und persönlichen Entwicklung beeinträchtigen können. Hierzu zählen v.a. zentrale Hörstörungen, auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS), das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS bzw. mit hyperkinetischem Syndrom ADHS), erhöhte Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis) sowie Dyslalie, Artikulationsschwächen bis hin zur Lese-Rechtschreib-Störung.
Häufig besteht eine Überschneidung mehrerer Störungsbilder. Bei Kindern ist die Kombination einer zentralen Hörstörung mit einer Aufmerksamkeitskomponente in Form von Konzentrationsschwäche, Geräuschempfindlichkeit, Filterschwäche, AD(H)S etc. häufig anzutreffen.
Bei Erwachsenen gehen Schwerhörigkeit oder Hörstürze oftmals mit Geräuschempfindlichkeit oder Tinnitus einher. Bei Aphasie sind aber auch auditive und/oder Aufmerksamkeitsprozesse betroffen:
"Der … Prozess der Verarbeitung, Wahrnehmung und Verwertung akustischer Signale ist ein eng ineinander verwobener … Prozess, an dem eine Vielzahl von serialen, parallelen und verteilten neuronalen Netzwerken beteiligt ist." ( Prof. Dr. M. Ptok, Pädaudiologe) .
Die Berücksichtigung all dieser Zusammenhänge ist eine Grundlage der Arbeit von AUDIVA, die auch in unseren Seminaren vermittelt wird.
Anzeichen auditiver Wahrnehmungsprobleme
Folgende Auflistung gibt einen Überblick über Defizite, die auf Hörwahrnehmungsprobleme zurückzuführen sein können:
- leichte bis mittelgradige Schwerhörigkeit
- Geräuschempfindlichkeit
- Probleme mit Schall-Lokalisation
- Verständnisprobleme trotz gutem periferem Hörvermögen (Audiogramm unauffällig)
- Diktate in ruhiger Umgebung sind möglich - nicht jedoch bei Geräuschkulisse (Klassenraum)
- isolierte Bildung problematischer Phoneme und Laute gelingt - nicht jedoch bei Lärm (Klassenraum)
- schlechte Stimm- und Tonhöhenkontrolle (auch Probleme beim Singen)
- Verständnisprobleme beim Lesen
- Unruhe, leichte Ablenkbarkeit
- Vergesslichkeit
- geringe Ausdauer
- Dysgrammatismus, LRS (auditive Anteile)
Da es sich also häufig um komplexere Störungsbilder und Symptome handelt, die zu Lern- und Leistungsstörungen führen, sollen im Folgenden einige typische Störungen aufgeführt und relevante Zusammenhänge aufgezeigt werden. Grob lassen sich die Defizite drei unterschiedlichen, aber eng miteinander verbundenen Teilleistungen zuordnen:
den Aufmerksamkeitsdefiziten, den Sprach- und Sprechstörungen und den Hörwahrnehmungsproblemen.
Aufmerksamkeitsdefizite
Die Abkürzungen ADS oder ADHS stehen für die Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-)Störung. Nach heutiger Auffassung lässt eine AD(H)S auf eine fehlerhafte Informationsverarbeitung und -weiterleitung zwischen einzelnen Hirnarealen schließen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Botenstoff Dopamin.
AD(H)S liegt vor, wenn unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne deutliche Hyperaktivität ausgeprägt ist, nicht dem Alter und Entwicklungsstand entspricht und zu Beeinträchtigungen im sozialen Kontext, der Wahrnehmung und im Leistungskontext in Schule und Beruf führt.
Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Der vorwiegend hyperaktiv-impulsive Typ (ADHS) tritt bei Jungen fünfmal öfter auf, während die Jungen-Mädchen-Relation beim vorwiegend unaufmerksamen Typ (ADS) ungefähr 2:1 beträgt. Dass Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen, liegt vermutlich an evolutionären Faktoren. So haben Jungen einen höheren Aktivitätsdrang, während Mädchen eher ruhigere, sozialere Beschäftigungen vorziehen.
Bei ADHS wird eine fehlerhafte Informationsverarbeitung zwischen Frontalhirn und Basalganglien infolge von Störungen im Neurotransmitterstoffwechsel (vor allem Dopamin) als Ursache angenommen. Neurophysiologisch gesehen führt hier eine mangelnde Hemmung von Impulsen zu ungenügender Selbstregulation. Andere Quellen siedeln eine Störung zwischen Erregung und Hemmung im limbischen System an. Dort werden Emotionen und Aufmerksamkeitszuwendung gesteuert.
Weitere, sekundäre Faktoren sind Unverträglichkeiten (Nahrungsmittel, Allergien, Stoffwechselprobleme) bis hin zu Elektrosmog (bei erhöhter Sensibilität).
In der Therapie wird durch Ritalin chemisch die Verfügbarkeit von Dopamin im Gehirn erhöht. Das ist jedoch ein massiver Eingriff in den Neurotransmitter-Stoffwechsel. Das körpereigene Belohnungssystem kann auch auf andere und natürlichere Weise angeregt werden, z. B. durch Hörtraining mit Musik.
Da häufig AD(H)S gemeinsam mit gestörten auditiven Teilleistungen auftritt, sollten diese immer mitüberprüft werden, bevor eine Einstellung auf Medikamente erfolgt. Bei mehreren auffälligen Teilleistungen kann ein Hörtraining die Behandlung mit Medikamenten entlasten.
Eine Lernstörung kann mit Teilleistungsstörungen, ADS und ADHS zusammenhängen. Werden eine Lernstörung und ein verminderter IQ festgestellt, sollte das Ergebnis zunächst kritisch hinterfragt werden - ein reduzierter IQ muss nicht zwingend auf eine verminderte Intelligenz hindeuten. Da für die Lösung der Testaufgaben auch Aufmerksamkeits- und Sprachverständnisleistungen erforderlich sind, die weitgehend unabhängig von der Intelligenz sind, könnten beeinträchtigte Teilleistungen das niedrige IQ-Ergebnis hervorrufen. Ratsam ist in jedem Fall, mit Diagnoseverfahren zur auditiven Wahrnehmung zu überprüfen, ob der vermeintlich niedrige IQ nicht basalere Störungen andeutet, die zu einer Lernbeeinträchtigung führen. Entsprechende Diagnose- und Trainingsverfahren finden Sie in unserem Sortiment. Beachten Sie zur Überprüfung der Aufmerksamkeitsfähgkeit unser neues
Aufmerksamkeits-Testgerät ADT 3000.
Auch ein verringertes allgemeines Aktivitäts- und Muskeltonus-Niveau kann der Fall sein und Auswirkungen auf die allgemeine Bewältigung von Lernsituationen haben; hier spricht man von Hypoaktivität. Die Kinder „lassen sich hängen“, was auch regelmäßig in der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne zum Ausdruck kommt.
Sprach- und Sprechstörungen
Bei vielen Patienten hängt eine Störung im Bereich der Sprache und des Sprechens - damit sind Produktion und Rezeption gleichermaßen gemeint - mit der allgemeinen auditiven Verarbeitung zusammen. Eine zu langsame oder ineffiziente Wahrnehmung und Verarbeitung von Gehörtem kann neben psychischen Faktoren oder neuronalen Schädigungen die Ausbildung von Sprach- und Sprechstörungen begünstigen.
Im Folgenden werden einige der häufigeren Sprach- und Sprechstörungen näher beschrieben.
Die Dyslalie ist eine Störung der Artikulation, bei der das Kind einige Laute oder Lautverbindungen nicht bilden kann oder sie durch andere ersetzt. Neben der partiellen Dyslalie, die nur einen oder wenige Laute betrifft, handelt es sich bei der mutliplen Dyslalie um ein umfassenderes phonetisch-phonologisches Problem, bei dem viele Laute im Artikulationssystem betroffen sind. Oftmals besteht dieses Problem nicht nur auf produktiver Ebene, sondern auch auf rezeptiver - die Kinder können zwei Laute auch passiv nicht voneinander unterscheiden. Unbehandelt kann dies schwere Auswirkungen auf die weitere Sprachentwicklung und selbstverständlich im Schulalter auch auf die Entwicklung der Lese-Rechtschreibfähigkeit haben.
Kinder mit einer eingeschränkten Kurz- und/oder Langzeitspeicherung (SES, Teilleistungsstörungen) sprechen oft dysgrammatisch. Es fällt ihnen schwer, grammatische Strukturen korrekt zu produzieren bzw. Wörter und Satzteile richtig zu ordnen. Die Problematik äußert sich typischerweise z.B. im Bereich der Pluralmarkierungen, der Verbstellung oder anhand von Inkongruenzen von Subjekt und Verb.
Eine Aphasie ist eine zentral bedingte erworbene Sprachstörung, die meist auf eine Sauerstoff-Unterversorgung des Gehirns zurückzuführen ist, die die Läsion einer sprachrelevanten Gehirnregion zur Folge hat. Dies ist beispielsweise nach einem Schlaganfall, Gehirnblutungen oder einem Schädel-Hirn-Trauma der Fall und daher zumeist ein Störungsbild, das bei Erwachsenen und älteren Menschen auftritt. Je nach Größe und Lokalisation der Läsion können verschiedene Modaltäten der Sprache beeinträchtigt sein, und je nach Art der Aphasie treten folglich Teilleistungsstörungen im auditiven Verarbeitungsprozess auf. Ein häufiges Symptom sind die Wortfindungsprobleme. Der Patient sucht auffällig oft nach den richtigen Worten, seine Äußerungen sind voller Alltagsfloskeln (da auf weniger frequente Wörter nicht zugegriffen werden kann) und er umschreibt häufig die Wörter, die ihm nicht einfallen wollen.
Bei einer Stimmstörung werden häufig bestimmte Frequenzen oder Frequenzgruppen nicht richtig wahrgenommen. Folglich kann die Sprechmotorik nicht richtig gesteuert werden, was sich auf die Stimmkontrolle auswirkt.
Bei einer psychisch bedingten Kommunikationsunfähigkeit wie dem Mutismus spricht der Patient entweder bestimmten Personen gegenüber bzw. in bestimmten Situationen nicht (selektiver Mutismus) oder schweigt generell (totaler Mutismus). Die Störung ist häufig mit sozialer Angst, Rückzug oder Depressionen verbunden.
Beim Stottern handelt es sich im engeren Sinne um eine Redeflussstörung. Der Patient unterbricht den natürlichen Redefluss immer wieder, indem er Laute, Silben, Wörter oder ganze Phrasen mehrfach wiederholt oder sogenannte „Blocks“ auftreten, in denen die übermäßig angespannte Sprechmotorik ein Weitersprechen kurzzeitig verhindert.
Eine Person, die durch Poltern auffällt, charakterisiert sich durch ihre hohe Sprechgeschwindigkeit und ihre unsaubere Aussprache. Es werden Silben verschluckt, Wörter verkürzt, und auch die Sprechmelodie und der Sprechrhythmus leiden unter der „polternden Sprache“. Häufig besitzen Polterer ein Störungsbewusstsein insofern, als sie bemerken, dass sie anders sprechen als andere. Wie die Unterschiede im Detail aussehen, vermögen sie nicht zu sagen. Sie können in der Sprechsituation nur schwer Kontrolle über ihr eigenes Sprechverhalten erlangen.
„Poltern ist häufig mit Störungen der Aufmerksamkeits- und Hörgedächtnisspanne, Sprachentwicklungsstörungen, monotoner Sprechmelodie, Aussprachestörung etc. vergesellschaftet.“. C. Iven vermutet, dass Poltern mit Störungen der auditiven Verarbeitung und Aufmerksamkeit zusammenhängt. Anhand einer Untersuchung an Polterern stellt sie folgende typische Symptomatik fest (hier Kurzfassung):
schwächere Reaktion auf akustische Reize (verringerte Amplituden bei entsprechenden EEG-Komponenten akustisch evozierter Potenziale)
unterdurchschnittliche Leistungen bei verschiedenen dichotischen Hörtests
Neben der Dyskalkulie im Bereich der mathematischen Fähigkeiten ist auch die Legasthenie als Lese-Rechtscheib-Schwäche meist auf eine Kombination von Teilleistungsstörungen zurückzuführen. Die Alleindiagnose „Legasthenie“ kann daher für die Empfehlung bestimmter Trainingsmaßnahmen ungenügend sein. In dieser Boschüre beschreiben wir verschiedene Teilleistungen, die eine LRS bedingen können. Wir empfehlen dringend, diese Teilleistungen einzeln zu überprüfen, um das Kind therapeutisch optimal fördern zu können.
Teilleistungsstörungen betreffen vorwiegend Jungen (Jungen:Mädchen = 6:1). Die allgemeine Häufigkeit wird auf 10-15% aller Schulkinder geschätzt. Andere Quellen sprechen von 5% LRS- und 5% ADHS-Kindern, wovon unter den LRS-Kindern 15-30% parallel ebenfalls ADHS-Symptome zeigen.
Eine grobe Unterteilung der Teilleistungsstörungen bei LRS lässt sich nach auditiven und visuellen Kriterien vornehmen.
Es sollte immer untersucht werden, ob das Kind auditiv einwandfrei entwickelt ist. Defizite fallen im Alltag nicht automatisch auf: Oftmals können Kinder über die ersten Schuljahre ihre auditiven Schwächen durch Ersatzstrategien kompensieren und unauffällig bleiben.
Beim Erwerb der Lese- und Schreibkompetenz allerdings ist es wichtig, dass visuelle Informationen (Schrift) in auditive umgesetzt werden können (Vorlesen), und umgekehrt auch auditive Informationen graphomotorisch realisiert werden können (Schreiben). Die Kopplung der auditiven Fähigkeiten mit visuellen und graphomotorischen stellt also eine wichtige Grundlage dar.
Auch die Entwicklung der visuellen Informationsverarbeitung spielt eine wichtige Rolle. Zur Überprüfung wird beim Facharzt zunächst die Sehschärfe der einzelnen Augen getestet, und anschließend das beidäugige Sehen, das entscheidend für das räumliche Sehen im Nah- und Fernbereich ist. Bei gestörter binokularer Fusion stimmen die Fokuspunkte beider Pupillen nicht überein, so dass zwei versetzte Bilder wahrgenommen werden (deshalb spricht man auch von Winkelfehlsichtigkeit). Die natürliche Reaktion auf diese Form der Fehlsichtigkeit ist, dass der Betroffene nun innerlich eines der Augen ausblendet, um keine Doppelbilder zu sehen. Die Vernachlässigung eines Auges wird zur Gewohnheit und behindert das räumliche Sehen. Kinder mit dieser Problematik schreiben häufig schief und halten den Kopf oder das Blatt schräg.
Bei Legasthenikern oder Kindern mit entsprechenden Teilleistungsstörungen zeigen sich auch häufig motorische Koordinationsprobleme. Ihnen fällt es oft schwer, Rhythmusfolgen mit den Fingern beider Hände abwechselnd nachzuahmen. Dürfen beide Hände gleichzeitig klopfen, fällt es ihnen leichter. Auch haben sie oft Störungen bei komplexen Fingerfunktionen.
Hörwahrnehmungsprobleme
In einigen Fällen besteht die Verbindung einer Hyperaktivität mit einer Hyperakusis (Geräuschempfindlichkeit). Die Aufmerksamkeit kann durch eine Geräuschkulisse in der Umgebung beeinträchtigt werden, was bis zu einem gewissen Grad normal ist. Allerdings gibt es pathologische Formen der Geräuschempfindlichkeit. In solchen Fällen zeigen sich erhebliche Leistungsunterschiede zwischen Situationen mit und ohne Umgebungslärm. Diese können bei einer Überempfindlichkeit zu ausgeprägten Stresssymptomen führen, und durch die akustische Überforderung Überreaktionen hervorrufen.
Geräuschempfindlichkeit ist oftmals in Verbindung mit anderen Beeinträchtigungen (Schwerhörigkeit, Tinnitus, ...) zu finden und kann Verhaltensstörungen bei Kindern begünstigen (z.B. in Gruppensituationen). Dabei sind es meist bestimmte Arten unharmonischer Geräusche, die als Lärm wahrgenommen werden. Harmonische Klänge wirken in der Regel beruhigend. Eine Hyperakusis kommt bei Kindern oft im Zusammenhang mit Mittelohrproblemen vor, weiterhin bei Autisten, Mehrfachbehinderten und Spastikern.
Die klassische Schwerhörigkeit hingegen ist auf eine mangelnde Weiterleitung des Schalleindrucks vom Mittelohr an das Innenohr zurückzuführen. Mit zunehmendem Alter nimmt normalerweise auch die Schallintensität zu (Lautstärke), mit der ein Ton zur Wahrnehmung dargeboten werden muss. Man unterscheidet drei Formen der verminderten Hörfähigkeit: die leichte Schwerhörigkeit (Hörschwelle bei 25-40 dB), die mittelgradige Schwerhörigkeit (Hörschwelle bei 40-70 dB) und die starke Schwerhörigkeit (Hörschwelle bei 70-90 dB).
Der Tinnitus beruht auf einer Störung der Hörfunktion und meint das Symptom einer subjektiven akustischen Wahrnehmung, die zusätzlich zum gehörten Schall präsent ist. Die Schwallwahrnehmung tritt meist in Form eines hohen Pfeiftons auf, es gibt aber auch Zischen, Rauschen oder Knackgeräusche, über die Patienten klagen.
Der Hörsturz ist ein plötzlich auftretender (meist einseitiger) Hörverlust, der einige oder alle Frequenzbereiche betreffen kann. Der Hörsturz tritt mit oder auch ohne erkennbare Ursache auf und äußert sich unter anderem in subjektiven Ohrgeräuschen, dumpfen Hörwahrnehmungen und sogar Schwindelgefühl. Nach einem Hörsturz bleiben oftmals Innenohrschäden zurück. Dadurch wird die verbale Kommunikation kurz- oder langfristig erheblich erschwert.


