Innenohr (Cochlea)

- Bild 1
Bild 1: Im Innenohr befinden sich auch äußere Haarzellen, diese können die Empfindlichkeit der inneren Haarzellen regulieren. Äußere Haarzellen werden von efferenten (=absteigenden) Nervenfasern gesteuert, sie dienen
- der Verstärkung von Nutzschall durch efferent gesteuerte Hör-Erwartungen.
- dem Schutz des Gehörsystems durch seine Empfindlichkeitsregulierung.
- Man kann diesen Vorgang beobachten, wenn man z.B. aus einer stark geräuschvollen Umgebung in einen ruhigen Raum tritt: einen kleinen Moment braucht das Gehör, bis es sich wieder angepasst hat und leise gesprochene Informationen aufnehmen kann. Im Extremfall (Beispiel Techno-Disco) kann das Gehör sogar kurzfristig vertauben. Innere Haarzellen sind an afferente Nervenfasern gekoppelt (afferente=aufsteigende Nervenbahnen), d.h. diese laufen von hier bis zum Gehirn und stellen die Hörinformation dar.
Innenohr Funktionen
Bild 2: In der Hörschnecke laufen die Schallwellen ein und erzeugen wellenartige Auslenkungen der Trennmembran (A). Diese Bewegung wird von den Haarzellen erfasst und als Nervenreiz weitergeleitet.
Die höheren Frequenzen sind mehr am Eingang der Schnecke und die tieferen im Innern der Schnecke lokalisiert.
Dies erklärt, warum das Gehör durch laute Schallereignisse zuerst im Bereich der hohen Frequenzen geschädigt wird, da die Druckwellen der tiefen Frequenzen den Bereich hoher Frequenzen durchlaufen! Somit schädigen die bei Jugendlichen beliebten Tiefbass Verstärker auch die Hochtonbereiche.
Der Effekt der äußeren Haarzellen (C) bewirkt eine Verstärkung der jeweiligen gewünschten Frequenzen, die im Schall enthalten sind. So entsteht eine Filterwirkung durch Verstärkung des Nutzschalls. Der Verstärkungseffekt der äußeren Haarzellen ist ein aktiv gesteuerter dynamischer Vorgang, der von der Sprachentwicklung (Spracherfahrung) in höheren Hirnregionen durch efferente (absteigende) Bahnen gesteuert ist. Fehlen diese Spracherfahrungen oder sind unsicher, tritt eine Filterschwäche auf und Lärm kann nicht ausreichend vom Nutzschall getrennt werden. In ruhiger Umgebung kann solch ein Mensch andererseits völlig unauffällig sein.
Die zweite Steuerung der äußeren Haarzellen erfolgt lateral gekoppelt (über die Olivenkerne verschaltet) von den inneren Haarzellen des jeweils gegenüberliegenden Ohres. Also innere Haarzellen links steuern äußere Haarzellen rechts und umgekehrt.
Insgesamt wird damit deutlich, dass bereits in der Cochlea die auditive Wahrnehmung beginnt. Da Wahrnehmungsleistungen erlernt und konditioniert werden, hat ein Hörwahrnehmungstraining anregende Wirkungen auf diesen Regelkreislauf. Dies wird auch dadurch verständlich, dass beim Hörwahrnehmungstraining durch die Lateralisierung abwechselnd verschiedene Klänge auf das linke und rechte Ohr gelangen und dadurch die Regelprozesse der inneren und äußeren Haarzellen aktiviert werden.
Im Hinblick auf ein Audiogramm bedeutet dies, dass Hörminderungen nicht unabänderlich sein müssen, sondern durch Aktivierung der beschriebenen Regelkreisläufe die Hörschwelle eine messbare Verbesserung erfahren kann.
Ein objektiver messbarer Zusammenhang könnte gefunden werden, wenn man spontane otoakustische Emissionen vor und nach einem 10 Minuten Hörtraining mit Musik in Phase A misst. Die otoakustischen Emissionen sind kleinste Schallsignale, die durch (spontane) Bewegungen der äußeren Haarzellen entstehen und mittels eines Mikrofones am Trommelfell gemessen werden. Siehe Forschungsprojekte.
Aus "Hören, Physiologie, Psychologie, Pathologie", Jürgen Hellbrück und Wolfgang Ellermeier:
Frequenzwahrnehmung:
Bei Frequenzen unterhalb von 1000 Hz entnimmt das Gehör die Information aus einer Art Intervall - Histogramm - Kodierung der neuronalen Feuerungsrate. Oberhalb von 5000 Hz entnimmt das Ohr die Informationen aus der lokalen Verteilung der Anregungsmaxima auf der Basilarmembran (Ortstheorie). Zwischen 1000 Hz und 5000 Hz dürften sich beide Erkennungsprinzipien ergänzen und damit auch in den für Sprache besonders wichtigen Bereich eine hohe Diskriminationsleistung gewährleisten.
- Das bestätigt die Verwendung der Hochtonfilterung im Hörtraining nach AUDIVA. Hohe Frequenzen ab 1000Hz werden vom Trainingsgerät (HWT home, SWT home) systematisch verstärkt und somit der besonders für die Sprach- und Musikwahrnehmung relevante Frequenzbereich angeregt.
Lautstärkeempfindung:
Die Lautstärkenempfindung wird durch die Impulsfrequenzen und durch die Anzahl der feuernden Nervenfasern kodiert. Innerhalb einer Frequenzgruppe summieren sich die Intensitäten der darin enthaltenen Schalle. Bei Schallen, die in verschiedenen Frequenzgruppen liegen, summieren sich die Lautheiten. Wird der Schall von beiden Ohren registriert, kommt es zur binauralen Lautheitssummation.
Binaurales Hören:
Das binaurale Hören (mit beiden Ohren hören) verbessert die Signalentdeckung in Hintergrundlärm (Nutzschall im Störschall heraushören). Das Phänomen der binaural masking level difference (BMLD) zeigt, dass die Erkennbarkeit eines Signals (Nutzschall) in einem Rauschen (Störschall) deutlich verbessert wird, wenn Signal (Nutzschall) und Maskierschall (Störschall) räumlich unterschiedlich lokalisiert sind (also von verschiedenen Richtungen kommen). Der BMLD Effekt dürfte eine Rolle beim sog. Cocktail Party Phänomen spielen.
- Wir trainieren das binaurale Hören durch das Lateraltraining (HWT home, RWT home), indem das Signal (Sprache oder Musik) langsam zwischen beiden Ohre hin- und her bewegt wird.
Komplexe Mechanismen in der auditiven Erkennung:
In letzter Zeit werden verstärkt komplexe Mechanismen der auditiven Muster- und Gestalterkennung untersucht. Dazu gehören die spektrale Formunterscheidung (Profilanalyse), die Analyse zeitlicher Schwankungen (comodulation masking release) und die auditive Szenenanalyse (auditory stream segregation). Diese Leistungen spielen eine wichtige Rolle bei der Sprach- und Musikwahrnehmung. Für diese besonderen Leistungen des menschlichen Gehörs müssen allerdings auch spezialisierte kognitive, z.T. kuturell überformte Analysemechanismen angenommen werden.
Das heisst: die besten sprachlichen Leistungen erreichen wir in der jeweiligen Muttersprache.


