Hörentwicklung

Tina zuckt bei einem lauten Geräusch zusammen oder stößt einen Schrei aus. Marianne kommt sehr müde und aggressiv aus der Schule. Alles ist dort so laut und die Stimme der Lehrerin klingt gleich laut wie alle anderen Geräusche. 

Jeder Mensch ist durch individuelle sensorische Vorerfahrungen geprägt, die im Falle des Hörsinnes bereits vor der Geburt beginnen. Das Gehör ist bereits ab der 16. Schwangerschaftswoche so weit ausgebildet, dass es Informationen aufnehmen, umwandeln und weiterleiten kann. In diesem frühen Stadium erfolgt die Verarbeitung zunächst nur im emotionellen Teil des Gehirns - dem Limbischen System.

Der gesamte Vorgang der Geburt und besonders die Zeit kurz nach der Geburt ist besonders heikel: Frühgeburt, zeitlich verzögerter Mutterkontakt, Inkubator, Gelbsucht usw. können sich negativ auf das Hören und die Hirnentwicklung auswirken.

In der Sprachentwicklungsphase zwischen dem 1. und 4. Lebensjahr sind wiederholte Mittelohrprobleme und Erkältungen besonders häufige Risikofaktoren. Auch das akustische und soziale Umfeld, Ernährung/Allergien, Eltern-Kind-Beziehung - sind alles Einflüsse, die die Aufmerksamkeit auf das Hören mitbestimmen.

Das Schöne an dieser Lebensphase ist, dass Kinder sehr offen für auditive Reize sind und alles Hörbare aufnehmen. Diese instinktive Lernbereitschaft birgt die Gefahr, dass bei ungünstiger Umgebung, das heißt zu viel Lärm, zu viel Berieselung (ständig laufender Fernseher, Radio ...) oder Streitereien „ungünstige Informationen“ aufgenommen und gespeichert werden. Die Fähigkeit, Informationen aus Störlärm herauszufiltern, entwickelt sich erst im Laufe der Jahre.

Das heißt auch: Sprache kann aus Umgebungslärm noch nicht gefiltert werden. Nach der Geburt sind Außengeräusche nicht mehr abgedämpft und die Mutterstimme nicht mehr verstärkt. Ständig laufendes Radio oder Fernsehen wirkt wie eine massive überdeckende Geräuschfront und behindert die Feinerkennung von Sprache. Dies führt zu einem Verlust von sprachlicher Erfahrung.

Mit 5-6 Jahren ist die Sprachentwicklung in der Regel abgeschlossen und alle Laute der Muttersprache werden beim Hören unterschieden wie auch gesprochen. Man nennt diese Fähigkeit auch “phonologische Bewusstheit”. Mit dem Übergang in die Schule wird auf diese Fähigkeiten aufgebaut: es werden Buchstaben gelehrt (visuell) und mit den bereits gelernten Lauten (auditiv) verbunden.

Ist die phonologische Bewusstheit zu schwach entwickelt, wird das Kind wahrscheinlich Probleme in der Rechtschreibung bekommen.